frisdiskutiert

Nach langer Abstinenz raffe ich mich auf und gehe zum Friseur. Das kostet jedes Mal Überwindung, denn in den hippen Berliner Friseurläden (Warum ist eigentlich jeder zweite Gewerbebetrieb im Friedrichshain ein Friseur?) kommt man sich eigentlich immer coolnessmäßig vor als käme man vom Dorf. Komme ich zwar auch, aber normalerweise kann man in Dienstleistungsbetrieben jeglicher Art jeweils die Distanz zum Anbieter respektive anderen Konsumenten wahren. Das geht eben beim Friseur meist nicht. Und deshalb sind die ersten schamgeprägten paar Minuten, der Weg, die Kohle, die Gespräche mit dem Friseur/der Friseurin (heißt jetzt so, oder?) immer ein Grund seine Haare “doch gar nicht so lang” zu finden. Ich gehe nicht zu irgendwelchen Stylo-Cut&Go-LatteMacchiato-Läden und heute war das ganze sehr angenehm, da amüsant. Da setze ich mich in den einen der beiden vorhandenen Friseur-Stühle, neben mir wird gerade ein junger Mann mit einem, ich würde mal sagen, Berlin-Mitte-Schnitt bedient. Und zwar von einem jüngeren Mädel. Für mich war dementsprechend der auch nicht viel ältere, aber wohl erfahrenere Kollege zuständig. Ich kann in ca. zwei Sätzen erklären, was ich gerne möchte. Der junge Mann neben mir brauchte etwa 25. Dass Frieseurinnen meist nicht vor ihrer Karriere Nobelpreise in ihren Vitrinen stapelten, dürfte bekannt sein. Aus dem von dem Herren neben mir vorgebrachten Wunsch wäre aber auch jemand mit preisgefüllter Vitrine nicht schlau geworden. “Also hier soll’s dann ein bißchen länger, die Haare die darüber liegen aber nicht und nur die hier an der Seite, damit ich die dann so ‘rüberkämmen kann…” und so weiter und so weiter. Die Dame tat wie ihr geheissen und legte einfach mal los. Hätte ich - im Übrigen - genauso gemacht, merkt der Idiot eh nicht. Ich war nach 10 Minuten quasi fertig, ein bißchen Feintuning noch und dann konnte ich mich auch schon in den allbekannten Spiegeln bewundern. Da war man nebenan im Rahmen der Diskussion “Du hast jetzt aber die, die eigentlich lang bleiben sollten, schon abgeschnitten, aber da hinten hast Du gar nicht das gemacht, was ich meinte” schon so weit vorgedrungen, dass der Kunde ein TimeOut beantragte und nach dem mit mir beschäftigten “erfahrenen” Kollegen verlangte. Ich bin dann mal los, die Fremdscham wegen der sicherlich noch folgenden Preisverhandlung wollte ich mir dann nicht auch noch geben (bei meinem Friseur kann man jeden Preis verhandeln). Es hat schon Vorteile, wenn man dank Geheimratsecken oder sonstiger Makel in der Auswahl seiner Frisur beschränkt ist. Dann ist man wenigstens nicht so ein Vollidiot, der arme Friseurinnen in den Wahnsinn treibt.

1 Response to “frisdiskutiert”


  1. 1 Hannes

    Wir scheinen da aehnliche Ansichten zu haben. Auch ich druecke mich lange vorm Friseurbesuch und beim Gedanken an “wie soll`s denn sein?” fallen mir die Haare fast von selbst aus.

    Schoener Artikel, hat mir gut gefallen!

Leave a Reply