Gesellschaftsstudie

Und dabei hatte sie sich doch extra schön gemacht. Sie hatte zwar ob der Veranstaltung auf Gewagteres als eine Jeans verzichtet. Dennoch war das orangefarbene Top wohl überlegt. Auch die Frisur war noch fast “frisch” vom Friseur und selbst die Gesichtsbräune mit einem gut dosierten (nicht zu vülle) Solariumbesuch auf Vordermann gebracht. Die Keilabsätze behinderten sie ein wenig beim Tanzen, aber zu wild wollte sie es ja ohnehin nicht angehen. Schließlich sollte doch jeder sehen, dass sie alles unter Kontrolle hatte. Gut, dass die Musik der Fünf-Mann-Combo so laut war, dass - selbst wenn man es gewollt hätte - man sich gar nicht unterhalten konnte. So hatte sie leichtes Spiel. Besser als die anderen Damen ihres Alters sah sie allemal aus und wenn sie nur ein wenig sexy ihre Hüften bewegte, musste doch heute abend etwas für sie abfallen. Mit Glück würde es ja einer, der nicht ganz so viel gesoffen (zu vülle) hatte und auch nach mehr als dreißig Jahren Lebenserfahrung nicht aussah als würde er seine Eltern nicht überleben.

Schade, dass sich die Band nur zu einigen wenigen Zugaben breitschlagen ließ. Sie hatte zwar während der poppigeren Songs alles gegeben, aber entsprechende Zielobjekte waren mit schon vorhandener Partnerin gekommen oder hatten eben solche für heute Abend schon erwählt. Vielleicht auch, weil es bei denen wesentlich einfacher war, “wählerisch” in den Augen dieser Damen wohl eher ein Fremdwort. So musste sie die abschließenden Schmusesongs an die Zeltwand gelehnt zuschauen. Zuschauen wie sich die anderen glücklich für einen Moment in die Arme schlossen. Ihre Leidensgenossinnen neben ihr an der Wand sind doch einige Jährchen jünger.

Aber selbst das Abschiedsgespräch mit einem befreundeten Pärchen bringt sie ehrlich lächelnd über die Bühne. Als die Band einpackt, verschwindet sie mit einem der Mitglieder hinten durch die Zeltwand, hilft beim Einpacken der Sachen ins Auto. Sollte doch alles anders gewesen sein und sie hatte nur ihren Ehemann beim Auftritt begleitet?

Die Frage muss offen bleiben. Um abschließend zu klären, wer hier zu wem gehörte, hätte ich länger bleiben müssen. Das war angesichts der Tatsache, dass das Beste, was der später eingesetzte “DJ” auf Lager hatte, Robbie Williams war, nicht möglich. Ich musste irgendwann einfach gehen.

So ist das in Ost-Berlin, weit draußen auf der Landsberger Allee. Dort, wo nichts passiert in den Plattenbausiedlungen außer dieser “Maiparty” in der einzigen Lokalität, die sich dort noch behauptet. Und dennoch hat man nicht das Gefühl, dass es den Menschen schlecht geht, dass sie sich unwohl fühlen. Im Gegenteil, sie alle hatten einen guten Abend. Auf irgendeine Weise beruhigte mich das. So sehr entfernt wie deren Leben von meinem ist und mich unglücklich machen würde, so sehr würde meines sie unglücklich machen. So geht dann später jeder seiner Wege, zufrieden auf seine Art.

Abgelegt unter: soziologische Aspekte des Handballspielens in einem Ost-Berliner Traditionsverein.

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