Lektion Kreuzberg - für Nicht-Berliner

Mittwoch Nachmittag. Irgendwo in Kreuzberg. Ich sitze an meinem Schreibtisch. Die Fenster sind geöffnet, der übliche Straßenlärm dringt zu mir herauf. Nach einigen Jahren Berlin haben sich Körper und Geist daran gewöhnt. So ist auch geistige Arbeit mit dem gewissen Hintergrund-Summen/Brummen/Quietschen/Schreien/Hupen möglich.

Draußen hupt jemand. Das registriere ich schon gar nicht mehr. Vielleicht auch, weil mein Zivildienst im Kindergarten mich noch resistenter gegen jegliche akustische Beeinträchtigung gemacht hat. Solange nicht ein übergewichtiges Kind schreiend an meinem Hosenbein hängt und mich am Gehen hindert oder gar auf mir herumspringt, lässt mich das alles kalt. Der Jemand vor der Tür lässt aber nicht locker, hupt weiter. Länger. Öfter. Jetzt nervt es mich doch. Irgendeinen besonderen Grund muss es geben, sonst macht das hier keiner. Ich stehe also auf und gehe zum Fenster. Auch, weil ich weiß, dass das Auto, das ich gerade zur Verfügung habe, vor der Tür geparkt ist. Meiner Erinnerung nach jedoch vor der Hauseinfahrt und hinter einem Halteverbotsschild (siehe Bild), also im Sinne der deutschen Behörden nicht zu beanstanden. Und doch ist es in meinem Fall immer besser mal nachzusehen, denn ich habe eine Sturheit entwickelt, die es mir verbietet für einen Parkplatz zu bezahlen. Ich kaufe nie Parkscheine oder fahre durch kostenpflichtige Schranken, wenn ich mir bewusst bin, dass es keine Möglichkeit des Entrinnens ohne Bezahlen gibt. Ähnlich halte ich es auch mit öffentlichen Toiletten. Nur, dass einem dort manchmal das moralische Gewissen gegenüber der Klofrau einen Strich durch die Rechnung macht. Der Blick aus dem Fenster offenbart mir eine logische Erklärung. In einem Mietwagen (Kategorie Sprinter) sitzt bei offener Tür ein Mann, Mitte 50, Hemd, Stoffhose, Haarkranz um die Glatze, und haut alle paar Sekunden auf die Hupe. Für mich gibt es genau drei Möglichkeiten, was der Typ damit bezwecken will:

  1. er möchte, dass irgendwer aus dem Haus nach draußen kommt
  2. der Wagen vor “meinem” (der kleine blaue) soll wegfahren
  3. der Wagen hinter mir soll weg

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Da ich mich nicht angesprochen fühle und auch keine schnelle Lösung des Problems erkenntlich ist, kehre ich zur Arbeit zurück. Das Hupen erstirbt auch irgendwann. Eine halbe Stunde später höre ich es draußen erneut lärmen. Wieder der Blick aus dem Fenster. Hinter dem Miettransporter steht jetzt ein Abschleppwagen, dahinter die Polizei. Ouha! Ob die doch mich meinen? Mal lieber gucken gehen. Autoschlüssel geschnappt, Schuhe an, Wohnungsschlüssel nicht vergessen, raus. Zwei Treppen tiefer komme ich nicht weiter, da der Haarkranz-Typ mit einem jungen Mann meines Alters gemeinsam einen IKEA-Schrank um die Treppenkehre zu manövrieren versucht. Alles klar! Papa (und Mama auch, wie sich später herausstellt) ist mit’m Sprinter aus Baden-Württemberg (bin nicht sicher, aber die Wahrscheinlichkeit ist in Berlin ja recht groß) gekommen und hilft Töchterchen beim macht Töchterchens Umzug. Im Hauseingang auf der Schwelle zur Straße gibt der IKEA-Schrank auf und kracht zu meiner inneren Belustigung auf den Boden. Papa und (Ex-)Mitbewohner der Tochter halten lediglich das Gerippe in den Händen. Ich erkundige mich nach dem Begehr von Papa bzw. Abschlepper und Polizei. Es handelt sich um den Wagen hinter mir, der “die Einfahrt zum Haus versperrt” (Anm. d. Verf.: das Foto ist später entstanden, es stand dort ein Wagen, der tatsächlich die gesamte Einfahrt einnahm). Dazu muss man sagen, dass dort kein Verbotsschild steht, lediglich die gezackte Linie auf dem Boden verrät das Verbot. Jeder, der hier wohnt, weiß allerdings, dass niemand in unsere Hauseinfahrt ‘reinfahren, ergo auch niemand durch ein Parken gestört werden kann. Papa allerdings hatte wohl geplant, rückwärts mit seinem Transporter vor die Tür zu fahren und dort einzuladen. Dass dieser Plan von den Kreuzberger Anarchisten durchkreuzt wurde und er nun die Möbel 2 Meter (in Worten: zwei!) weiter tragen musste, quittierte er dann mit einem Anruf bei der Polizei. Die ganze Aktion war natürlich der gemeinen Nachbarschaft nicht verborgen geblieben und hatte insbesondere den Besitzer des Spätkaufladens im Nachbarhaus auf den Plan gerufen. Dieser versuchte gemeinsam mit einem weiteren Kollegen Abschleppunternehmen und Polizei davon abzuhalten, das Auto abzutransportieren. Erschwert wurde deren Unterfangen teils durch die - gerade im Erregungszustand - mangelnde Fähigkeit, sich in der deutschen Sprache gegenüber den Offiziellen adäquat zu artikulieren, teils durch das zwanghafte Verlangen zwischendurch immer wieder den Möbel verladenden Papa verbal zu attackieren. Späti-Besitzer und Kollege kannten nämlich den Eigner des vom Abschleppen bedrohten Fahrzeugs. Der kleine, der deutschen Sprache noch weniger mächtige Kollege witterte eine teure Ungerechtigkeit gegen einen Freund, der Späti-Typ wohl eher einen dadurch bedingten Einnahmeausfall. Nach weiteren wilden Handygesprächen und gestenreichen Hasstiraden gegen Papa hatten sie es endlich geschafft, den Besitzer des Autos zu verständigen und selbiger konnte gerade noch erreichen, dass sein Auto die zehn Zentimeter, die es bereits in der Luft schwebte als er kam wieder heruntergelassen wurde und er wohl lediglich die Anfahrtsgebühr des Abschleppunternehmens berappen muss. Völlig verständnislose wütende “Einheimische” zogen sich langsam zurück, ein mit “Anzeige wegen Beleidigung” drohender Papa belud weiter seinen Transporter. Damit hätte die Aktion eigentlich beendet sein können. Wären wir nicht nicht in Kreuzberg. Zwei andere Jungs aus dem Haus gegenüber hatten nämlich auch Wind von der Chose bekommen. Zunächst fuhren sie nur langsam an dem Transporter vorbei und waren eine halbe Stunde weg. Dann aber kam einer von ihnen mit ihrem Wagen zurück und parkte so hinter dem Transporter, dass dieser die Türen nicht mehr öffnen konnte. Papa kam ‘raus und regte sich furchtbar auf. Ein Grund mehr für den Aggroparker ihn nochmal richtig anzupöbeln.

Herzlichen Willkommen in Kreuzberg!

Ziehsch fai nägscht Mol ins annere Eck, gell!

1 Response to “Lektion Kreuzberg - für Nicht-Berliner”


  1. 1 malte

    wieso hat den niemand die freunde in grün auf den schwäbischen sprinter-nazi angesetzt, wo der doch offenkundig hupend die ganze nachbarschaft akkustisch terrorisiert hat? zumal doch ein jeder korinthenkacker sich der tatsache bewusst sein sollte, dass die hupe laut stvo nur in gefahrensituationen zum einsatz zu kommen hat und deren zweckfremde benutzung mit einem ordnungsgeld in höhe von 10€ je betätigung geahndet zu werden hat.

    wie man in den wald hineinhupt…

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